Route 1 ⁄ Spur 1
Präsidentschaftskanzlei
1. Bezirk, Heldenplatz
Du gehst nun entlang einer langen Fassade, die sich von der Durchfahrt bis zum Ballhausplatz erstreckt. Es handelt sich hier um den sogenannten Leopoldinischen Trakt der Hofburg, der unter Kaiser Leopold I. im 17. Jahrhundert erbaut wurde. Heute befinden sich hinter den Fenstern die Amtsräume des Bundespräsidenten. Hoch oben auf dem Dach wehen zwei Fahnen, die rot-weiß-rote österreichische und die blaue EU-Fahne mit den zwölf goldenen Sternen. Die rot-weiß-rote Fahne mit dem Staatswappen ist allerdings nur gehisst, wenn sich der Bundespräsident auf österreichischem Staatsgebiet aufhält. Du kannst den Bundespräsidenten an speziellen „Tagen der Offenen Tür“ besuchen. Jugendliche können aber auch an einem der „Schülerinnen- und Schülertage“ in der Wiener Hofburg teilnehmen.
Am Ende des Leopoldinischen Traktes stehst du vor einem Eingangs-Vorbau mit zwei großen Holztoren. Sicher bewachen Polizisten oder Polizistinnen auch heute, so wie immer, den Eingang zu den Räumen des Bundespräsidenten.
Richte deinen Blick jetzt auf den Boden und auf die Schriftzüge, die zu den beiden Eingangstoren der Präsidentschaftskanzlei führen. Österreichische Präsidentschaftskanzlei steht da geschrieben, und zwar nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Ungarisch, Slowenisch, Burgenlandkroatisch, Tschechisch, Slowakisch und Romani, den Sprachen der sechs gesetzlich anerkannten Volksgruppen in Österreich.
Die Künstlerin Eva Schlegel hat mit dieser Installation einen Beitrag zum Internationalen Jahr der Sprachen 2008 verfasst. Über diesen Anlass hinaus geben uns die sieben Sprachen die Gelegenheit, über Minderheiten in Europa nachzudenken.
Unter einer Minderheit versteht man eine Gruppe von Menschen, die in einem bestimmten Gebiet lebt und sich durch verschiedene Merkmale wie Sprache; Kultur oder Religion von der Mehrheit unterscheidet. In den meisten Fällen spricht man von ethnischen oder nationalen Minderheiten, also Bevölkerungsgruppen, die in einem Staat leben, in dem eine andere Volksgruppe die Mehrheit bildet. Die Europäische Union, die UNO und andere internationale Organisationen haben zur Stärkung dieser Gruppen Minderheitenrechte festgeschrieben, die von den einzelnen Nationalstaaten eingehalten werden müssen. Mit der „Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen“ des Europarates sollen vor allem die Sprachen der Minderheiten – und damit natürlich auch ihre kulturellen Identitäten – gestärkt werden. Allerdings haben noch nicht alle Mitglieder des Europarates das Übereinkommen anerkannt.
Die Internetseite Eurominority.EU zählt eine lange Liste von ungefähr hundert verschiedenen Minderheiten auf, die in Europa leben. Manche der Minderheiten – die nationalen Minderheiten – bilden in einem anderen Staat allerdings sehr wohl die Mehrheit. Beispiele dafür ist die slowenische Volksgruppe in Österreich, die ungarische in Rumänien oder die finnische in Estland und Norwegen. Andere Minderheiten wiederum haben kein Mutterland, bilden aber trotzdem eine ethnische Volksgruppe. Zum Beispiel sind das die Zimbern in Italien, die friesische Minderheit in Deutschland und Holland und die Roma und Sinti in großen Teilen Ost- und Südosteuropas, übrigens die größte Minderheit in der Europäischen Union.
Der Umgang mit Minderheiten ist immer auch ein Gradmesser für das Demokratieverständnis eines Staates, vor allem aber auch der Einhaltung und Umsetzung von Menschenrechten. Bürger und Bürgerinnen, die verantwortungsvoll handeln und politisch reif sind, werden sich nicht vor Minderheiten fürchten und ihnen ihre Rechte verweigern, sondern sie als Bereicherung und Gewinn sehen.
Auch du kannst durch deinen Umgang mit Minderheiten einen Beitrag dazu leisten, das Zusammenleben fair und friedlich zu gestalten.
Du kannst dir jetzt einen Bericht der Burgenlandkroatin Terezija Stoisits zum Thema Minderheiten anhören.
Terezija Stoisits: Ich komme aus Stinjaki/Stinatz, das ist eine kleine Gemeinde im südlichen Burgenland. Und wenn man eine Stinatzerin ist, ist man eine Kroatin, eine burgenländische Kroatin, und das ist der rote Faden, der sich durch mein Leben zieht. Wir burgenländischen Kroaten und Kroatinnen sind davon gekennzeichnet, dass wir um das überleben unserer Sprache, unserer Kultur, unseres Volkstums und unserer Eigenheiten kämpfen.
Eine Sprache wie das Burgenländisch-Kroatische ist eine kleine Sprache; man sagt auch „lesser used languages“ in Europa. Eine Sprache, die von ganz wenigen Menschen gesprochen wird und deshalb sehr sehr stark gefährdet ist, einfach von der Bildfläche zu verschwinden. Deshalb ist die Förderung von außen so wesentlich. Denn wichtig ist, um auch die eigene Sprache als wertvoll zu empfinden, die Wertschätzung von außen. Wenn es sich ausschließlich sozusagen auf Familie oder nur auf den ganz intimen und familiären Sektor bezieht, dann kriegt ein Kind halt auch den Eindruck: na ja, so reden nur wir, aber sonst niemand. Und alles, was von außen kommt sozusagen, genießt ja auch eine zum Teil andere, manchmal auch größere Wertschätzung. Und darum ist mein Einsatz als burgenländische Kroatin für unsere Sprache und für unsere Kultur und für unsere Eigenheiten und für unsere Tradition – ohne das jetzt quasi in einem konservierenden Sinn zu sehen – auch so ein von Herzen kommender, weil ich das Gefühl habe, meine Generation und die nächsten – von uns hängt ab, ob unsere Sprache ausstirbt. Und das ist sozusagen eine wirklich existenzielle Situation.
Und selbiges wie für mich als Kroatin aus dem Burgenland gilt auch für Sloweninnen und Slowenen aus Kärnten, gilt auch für burgenländische Ungarinnen und Ungarn, gilt für Roma. Wobei man manchmal ja den Eindruck haben kann, dass die Leute meinen, dass die Zweisprachigen – also jetzt ob Sloweninnen/Slowenen, Kroatinnen/Kroaten – ja dass die minderer sind als andere. Ganz im Gegenteil, zwei Sprachen zu sprechen, ist doppelt so viel wie eine.
Hofburg: www.hofburg.at
Politlexikon: www.politik-lexikon.at/bundespraesident-bundespraesidentin/
zum Seitenanfang




